Der Stellenwert der Gesundheit! Wer kennt die Krankenhaus-entwicklungsstrategie?

Die Umsetzung der Krankenhausentwicklungsstrategie im Landkreis Greiz mit der Fusion der Kreiskrankenhaus Ronneburg Fachklinik für Geriatrie GmbH auf die Kreiskrankenhaus Greiz GmbH war Hauptgegenstand der Kreistagssitzung am 26.04.2022 in der Vogtlandhalle. Da stellte sich doch so manch einem Kreisrat die Frage, welche Strategie das denn sei? Eine Konzeption hatte bisher noch niemand gesehen. Mit 22 Ja, 18 Nein und 4 Enthaltungen war es ein erwartet knappes Ergebnis für die Fusion.

Foto Jarling GbR

Welchen Stellenwert für die Gesellschaft und jeden einzelnen die Gesundheit hat, wird einem bei der Diskussion um die Zahlen und Wirtschaftlichkeit von Krankenhäusern deutlich bewusst.  Schieflagen und Schließungen sind schon lange keine Seltenheit mehr. Es wird deshalb – nüchtern und betriebswirtschaftlich betrachtet – darauf geachtet, mit welchem Geschäftszweig man die meiste Rentabilität erzielt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass gerade das aus der wirtschaftlichen Schieflage kommende Krankenhaus Greiz sich auch auf die Altersmedizin ausrichten wird. Für mich als Kreisrätin zwar nachvollziehbar, weil Krankheit nun mal längst Marktwert hat, aber kontraproduktiv für die Entwicklung im ländlichen Bereich, in dem wir junge Familien ansiedeln wollen. Deshalb gab es in der Vergangenheit reichlich Aufruhr bei der Schließung der Kinderstation und der Geburtenabteilung. Nun braucht Greiz dringend eine geriatrische Abteilung. Das bringt zum einen deutlich mehr Geld, ist zum anderen zwingend erforderlich,  um multimorbide Patienten quasi in einer Einrichtung umfassend behandeln zu können, sie nicht in umliegende Krankenhäuser etwa nach Plauen, Rodewisch oder gar Adorf schicken zu müssen. Geriatrie ist die Lehre der Krankheiten des alternden Menschen und wegen Mehrfacherkrankungen als eine fächerübergreifende Disziplin zu verstehen. Ohne Geriater dürften nach heutigem Rechtsstand ab 2024 bestimmte Erkrankungen auch in Greiz nicht mehr behandelt werden, was zu weiterem Patientenschwund führt und zu weiterem Wegbrechen von dringend benötigten Einnahmen. Geschäftsführer der Kreiskrankenhauses Greiz GmbH, Ralf Delker, hat den Markt im Blick und weiß, dass die Leistungsrückgänge während der Corona-Pandemie  nicht ohne weiteres aufholbar sind. Denn bundesweit seien die Einweisungen in Krankenhäuser um durchschnittlich 20 % gesunken. Zwar wird man mit einem leichten Anstieg der Fallzahlen gegenüber 2021 in Zukunft rechnen können, aber es wird weiter unter früherem Niveau bleiben. Grund seien u.a. viele ambulante Operationen, deutlichere Strukturvorgaben für 2024 u.v.m. Dem wollen die Aufsichtsräte und die Geschäftsführer Delker und Schmitz (letzterer Geschäftsführer für die Kreiskrankenhaus Ronneburg – Fachklinik für Geriatrie GmbH) so gut sie können entgegenwirken. Es gilt beide Häuser in kommunaler Trägerschaft zu erhalten (mit der Konsequenz des deutlichen höheren Tariflohns für die Mitarbeiter nach TVÖD) und fortzuentwickeln. Die Verschmelzung beider Trägergesellschaften biete da den einzigen Ausweg. Ohne Fusion gäbe es keine Synergien. Das sei ein absehbares Sterben beider Kliniken. Sowohl Monokultur – wie die geriatrische Klinik in Ronneburg – als auch generell kleine Krankenhäuser haben zukünftig keine Chance. Das lässt sich angesichts der anstehenden Herausforderungen bei der Digitalisierung, Fortbildung, Gewinnung von Fachkräften und vor dem Hintergrund ständig steigender Kosten wie z.B. Energie durchaus nachvollziehen.

Darüber diskutierten seit Mitte Februar 2022 das betroffene Personal in beiden Häusern, die Kreisräte in allen Ausschüssen, in Fraktionssitzungen und nicht zuletzt auch im Kreistag am 26.04.2022. Eines wurde in allen Sitzungen deutlich, dass man kommunikativ viele Fehler gemacht habe. Frau Dr. Taubert bezeichnete sie als desaströs, was zu schwerwiegenden Vertrauensverlusten führte; nicht nur beim Personal wohlgemerkt. Offen und ehrlich – hinter verschlossenen Türen hätte man alles diskutieren sollen.

Selbstverständlich war allen Kreisräten klar, dass es noch kein detailliert ausgearbeitetes Fusionskonzept geben kann, wenn die ersten ernsthaften Überlegungen im November 2021 durch die Geschäftsführer angestrengt wurden.

Nach der Analyse der Jahresabschlüsse 2021 sämtlicher Krankenhausgesellschaften mit mehrheitlicher Feststellung des Ergebnisses, der Mittelverwendung und der Entlastung der Aufsichtsräte war zumindest klar, dass für 2022 die Liquidität generell gesichert ist, auch wenn coronabedingte Ausgleichszahlungen in diesem Jahr auslaufen. Sie haben sowohl in Greiz als auch in Ronneburg die Lage stabilisiert. Das MVZ machte enorme Verluste, 816 T €.  Dennoch weiß man nicht genau, wie sich die Lage nach Corona nun weiterentwickelt, denn trotz dieser Zuschüsse hätten rund 60 Prozent deutscher Krankenhäuser rote Zahlen geschrieben! Die Befürworter warben um die Zustimmung mit den auf der Hand liegenden Argumenten, dass viele Dinge ressourcensparend nur gemeinsam angegangen werden könne, z.B. die Logistik und Transport, der Einkauf von Material, die gemeinsame Verwaltung, die Neuausrichtung der IT, Einsparungen von Umsatzsteuer,  u.v.m. Auch die Kosten für die Wirtschaftsprüfer und die Aufsichtsräte würden eingespart. Die Arbeitsverträge bleiben bestehen und die Mitarbeiter müssen auch nicht fürchten, von Ronneburg nach Greiz zu fahren. Jeder würde an seinem bisherigen Platz weiter gebraucht, wiederholte Frau Schweinsburg fast gebetsmühlenartig in der Sitzung.

Dem stimmte insoweit auch der sich häufig kritisch äußernde Chefarzt Dr. Oswald aus Ronneburg zu, da eine Kooperation und die Zusammenarbeit zu entwickeln zu beiderseitigem Nutzen gut sei. Im Moment werde aber etwas übergestülpt. Die Belegschaft wisse zu wenig über die beabsichtigten Wege, es bestehen Ängste. Das sich Risiken gemeinsam besser bewältigen ließen, wenn man ein größerer Verbund sei, ist eine echte Chance. Zu viele Dinge seien jedoch offen oder wisse man nicht.

So machten auch jede Menge Gerüchte die Runde. Die Kreisräte wurden von verschiedenen Seiten angesprochen und sollten nun diese schwierige Entscheidung – ohne ein Konzept und ohne eigenes fachliches Hintergrundwissen – treffen. Dass dies zu einer langen, über zweistündigen Debatte führte, ist nur konsequent. Denn die Kreisräte, die letztlich ein Nein bei der Abstimmung gaben, hatten nämlich nicht nur Kritik für Herrn Delker, sondern neben vielen Bedenken noch immer offene Fragen. Wie man z.B. die Betten voll Patienten bekommen möchte, wie die Patientenströme fließen und ggf. nach einer Fusion fließen könnten, wie die groben Pläne für die Fusion sei, mit welchen Zahlen man rechne u.v.m. Viele der Nein-Stimmer taten sich schwer mit einer Entscheidung. Sie sehen durchaus die genannten Vorteile, wollen dies anhand von Fakten aber auch nachvollziehen können. Die Datenlage wurde als zu dünn gesehen und ein höheres Maß an Informationen von Anfang an wäre wünschenswert gewesen.  Entgegen der Auffassung von Dr. Schlundt ging es den Fragenden nicht um das Zerreden eines guten Plans, sondern um die Feststellung, ob überhaupt ein Plan besteht und wie der konkret aussieht. Sie wollten auch wissen, ob andere Geschäftsmodelle überlegt worden sind, mit welchen wirtschaftlichen Synergieeffekten man rechne. Man ist verwundert, dass von Seiten der Geschäftsführer ein Krankenhausentwicklungskonzept erst nach der Fusion erarbeitet werden soll, was auch Zeit braucht für Analysen und strategische Überlegungen, hat aber die Auslagerung von 23 Betten von Ronneburg nach Greiz bereits beantragt, ohne Personal- und ohne Raumkonzept. Allein auf ein Bauchgefühl zu bauen, ist keine gute Entscheidungsgrundlage. Die Neinsager wehren sich des zugewiesenen bösen Buben, denn alle Kreisräte sind nach bestem Wissen und Gewissen verpflichtet im Auftrag für den Wähler eine Entscheidung zu treffen. Und da es mit dem Krankenhaus Schleiz auch diverse Erfahrungen gibt, ist man um so vorsichtiger. Es geht um das Wohl vieler Menschen, um Arbeitsplätze und erhebliche Vermögenswerte!

Einige Kreisräte nahmen die Möglichkeit wahr, den Mitarbeitern beider Häuser für ihren täglichen Einsatz zum Wohl der Patienten aber auch zum Gelingen und Fortbestand der Kliniken zu danken. Dem pflichteten alle bei.

Der Antrag der Fraktion IWA-Pro Region/BIZ zielte einerseits auf eine Vertagung der Beschlussfassung, bis die Jahresabschlüsse 2022 (ohne millionenschwere Corona-Zuschüsse) vorliegen und zum anderen darauf, ein unabhängiges Institut unter Einbeziehung aller Beteiligter (Geschäftsführer, Aufsichtsräte, Chefärzte, Personalvertretungen und andere Fachleute) mit der Erarbeitung eines Konzepts bzw. einer Gegenüberstellung möglicher Vorgehensweisen, Personalkonzept, Raumkonzept, Chancen und Risiken u.a. zu beauftragen. Er wurde mehrheitlich abgelehnt, wie auch der Antrag von Hr. Marek zur Zurückverweisung in die Ausschüsse.

Jetzt gilt es, sich weiter an die Arbeit zu machen. Dazu wünsche ich dem Team der neuen Kreiskrankenhaues Greiz-Ronneburg GmbH und ihren Geschäftsführern alles Gute und das richtige Händchen in der schwierigen Zeit!

Andrea Jarling, 28.04.2022

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