Interessengemeinschaft Wirtschaft und Arbeit

Verfehlte Wirtschaftspolitik und Umgang mit Unternehmen

"Wann, wenn nicht jetzt"
Finstral-Werkleiter Uwe Tietze hätte von einigen Wahlkämpfern in Sachen Wirtschaftsförderung eher Selbstkritik statt Schönfärberei erwartet. Und erzählt, wie aus seiner Sicht Arbeitsplätze in Greiz verhindert worden sind.

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Knapp 90 Frauen und Männer werden in dem Werk beschäftigt - bei wirtschaftsfreundlicheren Behörden könnten es mehr sein, meint man in der Firma. 


Von Marius Koity
Greiz Es sei schon interessant, was verschiedene Greizer Stadtrats- und Kreistagswahlkämpfer so von sich geben, sagt Uwe Tietze. Was ihm persönlich in den meisten Fällen fehle, sei ein ehrliches Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Greiz, gibt der Werkleiter bei Finstral zu verstehen. An der einen oder anderen Stelle hätte er statt Schön­färberei eher Selbstkritik erwartet. Weil Letzteres in diesen Tagen kaum eine Rolle spiele, will er bewusst jetzt ein paar Er­fahrungen mit der hiesigen Wirtschaftspolitik teilen. "Wann, wenn nicht jetzt?!", sagt Uwe Tietze und holt etwas weiter aus.
"Ganz sehr extrem lange Entscheidungsfindung"
"2009 hatten die Standorte Greiz und Gochsheim gleichzeitig Erweiterungsbauanträge gestellt. Die Kollegen konnten schon 2010 produzieren, wir erst 2012. Zwei Jahre Differenz bei der Bearbeitungszeit!" Von einer "ganz sehr extrem langen Entscheidungsfindung" Greizer Behörden spricht der Ingenieur. Das habe dem Finstral-Standort Greiz im Wettbewerb mit den übrigen deutschen und den weiteren europäischen Konzernwerken nachhaltig geschadet.
So habe die italienische Chefetage im vergangenen Jahr festgelegt, dass die Wintergärten-Produktion an einem der darauf spezialisierten Standorte wie Greiz konzentriert werde. "Wir hatten gute Chancen", sagt Uwe Tietze. Schließlich werden an der Reichenbacher Straße mit einer motivierten Mannschaft seit 1997 solche Anlagen hergestellt. Es hätte in Greiz allerdings wieder gebaut werden müssen. Doch eventuell erneut jahrelang auf die Gnade der hiesigen Behörden zu warten, wo es anderenorts schneller gehe - das habe man in der Chefetage nicht eingesehen. Das Ende vom Lied sei, dass die Wintergarten-Produktion vor zwei Monaten an ein Werk in Südtirol verloren wurde. Uwe Tietze: "Wir hätten in Greiz acht bis zwölf neue Arbeitsplätze schaffen können. Stattdessen sind wir jetzt froh, dass wir keinen Mitarbeiter entlassen mussten."
Denn die seit 1991 hier ansässige Finstral GmbH habe ein Rekordjahr mit 135 000 produzierten Einheiten hinter sich und eine nach wie vor gute Auftragslage. Etwa 85 Prozent der in der Park- und Schlossstadt erzeugten Kunststoff- und Alu-Türen, Hebe-Schiebe-Türen sowie Son- der­elemente werden exportiert. Knapp 90 Frauen und Männer stehen in Lohn und Brot. Mit 23 Millionen Euro wird der letztjährige Umsatz angegeben. "Trotzdem werden uns schon bei kleinen Dingen Knüppel zwischen die Beine geworfen", so Uwe Tietze und erzählt die nächste Geschichte, die seiner Meinung nach nichts mit Wirtschaftsförderung zu tun habe.
So habe sich nach der In­betriebnahme der etwa drei­einhalb Millionen Euro teuren neuen Produktionshalle ein Unterstand für Neuglas auf dem Firmenhof notwendig gemacht. Uwe Tietze: "Wir haben im Landratsamt gefragt, ob das irgendwie genehmigungspflichtig sei, und es wurde uns gesagt: Nein. Als das Ding dann fertig war, wurde uns plötzlich die Nutzung untersagt. Weil es dem Nachbar nicht gepasst hat. Dann hat sich auf einmal auch die Stadt reingehängt und ihr Veto eingelegt, weil der Unterstand nicht nah genug an der Straße und am Nachbarhaus wäre, um irgendwelche Fluchten wiederherzustellen. Was die Stadt will, geht technisch gar nicht. Leute, das ist eine Stahlkonstruktion mit einem Dach drüber! Damit haben Baubeamte ein Problem, mit einer neuen Turnhalle mitten im Überflutungsgebiet des Aubachs nicht!"
Die Wut sitzt tief. Auch weil die bearbeitende Behörde ständig Papiere nachfordern würde, die man doch gleich hätte be­stellen können. So habe man plötzlich nach einem Brandschutzgutachten gefragt. Uwe Tietze: "Leute, es geht um Stahl und Glas, das brennt nicht!"
Seit Januar muss Uwe Tietze damit leben, dass der Glasunterstand totes Kapital ist. Zwar gebe es längst den ab­gestimmten Plan, die jungfräuliche Anlage abzubauen und einen Meter weiter weg vom Nachbargrundstück wieder aufzubauen. Doch es gibt keine Genehmigung. Wann ist damit zu rechnen? Das wüsste auch Uwe Tietze gern.
Und berichtet weiter, dass der Konzern vor einigen Jahren das benachbarte Grundstück der ehemaligen Fleisch­fabrik erworben habe, um den Standort Greiz zu erweitern, hier ein neues Produkt zu etablieren. Jegliche Pläne in diese Richtung seien auf Eis gelegt, so Uwe Tietze. Der Konzern habe festgelegt: "In Greiz wird nur noch das Nötigste investiert." Gleichzeitig werden andere Standorte weiterentwickelt. Weil sich Finstral dort willkommener fühle.
Uwe Tietze resümiert: "Wir stellen uns nicht auf die Seite irgendeiner politischen Gruppierung. Wir stellen uns an die Seite unserer Mitarbeiter. Für diese brauchen wir von der Kommunalpolitik Zuverlässigkeit." Das sei eine Hoffnung auch anderer Firmenchefs.

Quelle: OTZ vom 23.05.2014

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